Blick in die Zukunft zahlt sich aus - Durch Simulation flexibel auf Änderungen der Regulierung reagieren
(erschienen in ZfK Ausgabe 12/09)
Seit Anfang des Jahres müssen Netzbetreiber die Profitabilität ihres Geschäfts der Anreizregulierungsverordnung (ARegV) anpassen. Dabei spielen insbesondere die Erlös obergrenzen eine entscheidende Rolle. Im Klartext: Der Kostendruck nimmt zu. Die Betreiber stehen vor der Herausforderung, einerseits eine kontinuierliche Effizienzsteigerung und andererseits eine langfristige Investitionsfähigkeit und Versorgungssicherheit gewährleisten zu müssen. Um in diesem Spannungsfeld nicht die Übersicht zu verlieren, setzt die Stadtwerke Leipzig Netz GmbH auf eine intelligente IT-Lösung.
Inhalte des Artikels
Einführung
Diese ermöglicht es, die fundierte quantitative Analyse der regulatorischen sowie der Gewinn- und Verlustrechnungs(GuV)-relevanten Kennzahlen in ihrem zeitlichen Verlauf zu simulieren und bietet so die Grundlage für eine optimale Netzentwicklung. Um auch zukünftig gut aufgestellt und den wachsenden Anforderungen des Markts, der Bundesnetzagentur (BNetzA) und den Renditeerwartungen gerecht zu werden, bedarf es verantwortungsvoller, weitsichtiger Investitions- und Instandhaltungsentscheidungen mit einer Betrachtung der Investitions- und der Betriebskosten (Capex-/Opex-Betrachtung). Das ist eine zentrale Aufgabe des Regulierungs- und Asset-Managements.
Basis für optimale Netzentwicklung
Dabei benötigt die Steuerung des Netzgeschäfts eine Vielzahl von Daten. Die sind durch die Anreizregulierung noch umfangreicher und aufgrund der Wechselwirkungen noch komplexer geworden. Daraus resultiert für die Netzbetreiber ein deutlich höherer Aufwand. Eine Analyse und Verwaltung mit MS Excel kommt aufgrund der großen Anzahl an Parametern, Berechnungsvorschriften und Wechselwirkungen nicht in Betracht – ganz abgesehen von den komplexen Simulationsszenarien, deren Durchführung ein übersichtliches Variantenmanagement erfordert.
Die Bewertung verschiedener Simulationsvarianten ist jedoch zur Entwicklung der „richtigen“ Netzentscheidung im Rahmen eines strategischen Regulierungsmanagements essentiell. Insofern haben die Stadtwerke Leipzig Netz den Markt für eine performante Softwarelösung unter die Lupe genommen und sich für das Tool REG von Samco Networks aus dem ostwestfälischen Paderborn entschieden.
Mit ihm ist es möglich, unterschiedliche Szenarien zur Ermittlung der Erlösobergrenze individuell durchzuspielen und die Auswirkungen auf die GuV des Netzbetreibers sowie die Kalkulation des Netzertragwerts über die Discounted-Cash-Flow-Methode und weitere Unternehmenskennzahlen zu vergleichen.
Die spezifischen Anforderungen der Leipziger waren
- die Strukturierung und Konsolidierung der Daten- und Auswertungsgrundlage auf Basis von GuV und Bilanz,
- die Prognose der Erlössituation und zusammenhängender Steuerungsgrößen wie Erlösobergrenze, Regulierungskonto, Barwert der Veränderung des Betriebsergebnisses (Ebit), der Rentabilitätskennzahl ROCE etc. sowie
- die transparente Darstellung der Auswirkungen von Parameterveränderungen auf Erlösobergrenze und Unternehmenskennzahlen, wie z. B. die Verschiebung von Personalzusatzkosten oder verschiedene Genehmigungsvarianten der Kosten für Verlustenergie.
Die Implementierung des Simulationsmodells erfolgte entsprechend dieser gemeinsam von den Experten der Stadtwerke Leipzig Netz und Samco Networks festgelegten Anforderungen. Das geschah in drei parallel verlaufenden Phasen. In Phase 1 erfolgte die Konsolidierung der verfügbaren Daten und deren Überführung in die Struktur der Import-Tabellen. Darauf folgte in Phase 2 die Bewertung der Daten sowie die Anpassung des REG-Simulationsmodells an die Leipziger Besonderheiten. Dazu gehörte die Umsetzung individueller Kostenstrukturen und Parameter zur Steuerung von Varianten (z. B. Schalter zum Ein- und Ausschalten von Parametern) sowie die Erstellung einer auf die Bedürfnisse der Leipziger zugeschnittene Benutzeroberfläche. In der Phase 3 wurden schließlich vier unterschiedliche Simulationsszenarien initiiert und bewertet.
Für die Durchführung der Simulation mit einem Zeithorizont von 2009–18 wählten die Akteure zunächst einen Ausschnitt aus einem Modellnetz. Ausgehend von einem Basisszenario sollten die Auswirkungen der
Veränderung spezieller Parameter ermittelt werden:
- Variation des Effizienzwerts in der zweiten Regulierungsperiode,
- Verschiebung von Personalkosten zwischen den Gesellschaftsformen einer kleinen, mittleren und großen Netzgesellschaft,
- Genehmigungsvarianten der Kosten für Verlustenergie in der zweiten Regulierungsperiode.
Das Ausgangszenario sah für die erste Regulierungsperiode einen Effizienzwert von 93 % vor, der in der zweiten Regulierungsperiode auf 80 % sinken sollte. In den Varianten wurde der Wert für die zweite Periode auf 70 %, 80 % und 90 % festgelegt. Der Vergleich der Umsatzrentabilität zeigte, dass eine dauerhaft positive Umsatzrentabilität nur durch einen Effizienzfaktor von mehr als 80 % erreicht werden kann. Eine Erhöhung der Erlös obergrenze durch die Intensivierung von Investitionen und Aufwendungen
(z. B. Instandhaltungsmaßnahmen) steht allerdings einem dadurch voraussichtlich reduzierten Effizienzwert gegenüber. Und der wirkt sich negativ auf die Erlöse aus. Die Simulation erlaubte eine unmittelbare Abschätzung dieser Auswirkungen.
Das zweite Simulationsszenario zeigte eine Gegenüberstellung der Genehmigungsvarianten von kleiner und großer Netzgesellschaft in der zweiten Regulierungsperiode. Im Fall der kleinen Netzgesellschaft wurden die erforderlichen Services für dieses Modellnetz im Rahmen eines technischen Dienstleistungsvertrags von der Muttergesellschaft eingekauft. Die Erweiterung dieses Szenarios beinhaltete die Kürzung der als nicht-netzbezogen eingestuften Teile des technischen Dienstleistungsvertrags. Es zeigte sich, dass ein pauschaler Abschlag von beispielsweise 10 % zu einer Reduzierung der Erlösobergrenze und des Jahresergebnisses führen würde.
Der Wechsel zu einer großen Netzgesellschaft geht einher mit der Verschiebung der netzbezogenen Personalkosten in den OPEX-Kosten der Netzgesellschaft, so dass diese Aufwendungen im Zuge der Effizienzbewertung entsprechend neu gewürdigt werden und sich daher positiv auf die Erlösobergrenze auswirken. Das Simulationsmodell ermöglicht die flexible Veränderung und Gegenüberstellung solcher Varianten. Besonders wichtig für die Stadtwerke Leipzig Netz ist die Möglichkeit, die Simulationsmodelle und Formeln eigenständig anpassen zu können.
Das dritte Szenario stellte Varianten von unterschiedlichen Ausgaben für Verlustenergie gegenüber. In der Basisversion legten die Akteure fest, dass die realen Aufwendungen für diesen Posten den beeinflussbaren Kosten (OPEX) zugeordnet werden sollten. Dem stellten sie eine Simulation gegenüber, bei der diese Kosten zu den dauerhaft nicht beeinflussbaren Aufwendungen gezählt werden sollten. In einem weiteren Anlauf wurde vorgegeben, dass die realen Kosten stark ansteigen, die Genehmigung jedoch auf den gemeldeten Beträgen des Basisjahres beruht. Dadurch blieb die Erlösobergrenze unverändert. Gleichzeitig stiegen die realen Kosten im Ebit.
Schnelle und flexible Reaktion
Die Simulation verschiedenster unternehmerischer Stellgrößen schafft eine wichtige Basis für zukünftige unternehmerische Entscheidungen. So können die Stadtwerke Leipzig Netz auf Veränderungen der Regulierung durch die Simulation von Regulierungs-und Unternehmenskennzahlen schnell und flexibel reagieren.



